Warum die Zeit an neuen Orten langsamer vergeht
Etwas fällt mir beim Reisen immer wieder auf: Wenn wir an einem neuen Ort ankommen, fühlt sich die Zeit plötzlich langsamer an.
Die ersten zwei oder drei Tage sind voll.
Wo gehen wir einkaufen?
Wo gibt es guten Kaffee?
Wie funktioniert der öffentliche Verkehr?
Wo können wir arbeiten?
Wo können wir Sport machen?
Welche Strasse führt wohin?
Alles ist neu.
Neue Menschen. Neue Gerüche. Neue Geräusche. Neue Wege. Neue Eindrücke.
Und dann passiert etwas Interessantes.
Nach ein paar Tagen oder vielleicht einer Woche kennen wir den Supermarkt. Wir wissen, welches Café wir mögen. Google Maps brauchen wir nicht mehr für jeden Weg. Wir haben unsere ersten Routinen.
Und plötzlich geht die Zeit wieder ratzfatz vorbei. Eine Woche fühlt sich nicht mehr wie eine Woche an.
Wieso eigentlich?
Unser Gehirn misst Zeit nicht wie eine Uhr
Natürlich vergeht objektiv immer gleich viel Zeit. Aber unser Gehirn erlebt und erinnert Zeit nicht gleichmässig.
Dabei muss man interessanterweise zwei Dinge unterscheiden: Wie lange sich etwas im Moment anfühlt. Und wie lange sich ein Zeitraum im Rückblick anfühlt. Das ist nicht dasselbe.
Wenn viel Neues passiert, verändert sich unser Kontext ständig. Unser Gehirn muss neue Informationen aufnehmen, unterscheiden und als Erinnerungen abspeichern.
Im Nachhinein stehen dadurch mehr unterschiedliche Erlebnisse und sogenannte Kontextwechsel zur Verfügung. Ein Zeitraum kann dadurch rückblickend länger und ereignisreicher erscheinen. Die Forschung zur Zeitwahrnehmung unterscheidet deshalb unter anderem zwischen der unmittelbaren Zeitwahrnehmung und der retrospektiven Einschätzung von Zeit.
Bei einem neuen Ort passiert genau das ständig.
- Die erste Fahrt zum Supermarkt ist eine Erinnerung.
- Der erste Spaziergang durchs Quartier ist eine Erinnerung.
- Das erste Restaurant.
- Der erste Strand.
- Der erste Arbeitstag.
- Der erste Sonnenuntergang.
Nach zwei Wochen ist der fünfte Einkauf im gleichen Supermarkt dagegen kaum noch ein eigenes Ereignis. Er verschmilzt mit den anderen.
Sollte man deshalb möglichst viel Neues erleben?
Hier wird es für mich spannend. Wenn neue Erlebnisse dafür sorgen, dass sich Zeit intensiver und rückblickend länger anfühlt, müsste man dann nicht versuchen, ständig Neues zu erleben?
Vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass das die ganze Antwort ist.
Denn das Gegenteil hat ebenfalls einen grossen Wert: Routine.
Wenn ich jeden Morgen zuerst überlegen muss, wo ich arbeiten kann, wo ich essen gehe, wie ich zum Gym komme und wie mein Tag überhaupt aussehen soll, kostet das Energie.
Routinen nehmen einem Entscheidungen ab. Sie schaffen Struktur. Sie ermöglichen Fokus. Und wahrscheinlich sind sie einer der Gründe, weshalb man an einem Ort nach einer gewissen Zeit wieder produktiver wird.
Das führt zu einem interessanten Gegensatz.
Neues macht das Leben gefühlt länger und voller. Routine macht das Leben einfacher und produktiver.
Und wahrscheinlich braucht es beides.
Vielleicht ist die Lösung nicht weniger Routine, sondern mehr bewusste Unterbrechungen
Ich glaube nicht, dass wir jeden zweiten Tag in eine neue Stadt reisen müssen, nur damit unser Leben länger erscheint.
Vielleicht geht es vielmehr darum, einen stabilen Alltag zu haben und ihn regelmässig zu unterbrechen.
- Eine neue Route laufen.
- In einem anderen Café arbeiten.
- Einen neuen Sport ausprobieren.
- Mit jemandem essen gehen, den man noch nicht gut kennt.
- Ein Wochenende irgendwo verbringen, wo man noch nie war.
- Etwas lernen, das überhaupt nichts mit der eigenen Arbeit zu tun hat.
- Oder manchmal einfach bewusst Dinge anders machen.
Man könnte es vielleicht so formulieren:
Routine für die Produktivität. Neuheit für die Erinnerung.
Das gefällt mir als Gedanke ziemlich gut.
Vielleicht ist nicht entscheidend, wie schnell die Zeit vergeht
Denn eigentlich möchte ich auch nicht, dass sich jeder einzelne Tag möglichst langsam anfühlt. Zehn Minuten auf einen verspäteten Zug zu warten können sich schliesslich ebenfalls sehr lang anfühlen. Das ist nicht die Art von „mehr Leben“, die ich suche.
Vielleicht ist die bessere Frage deshalb:
Wie schaffe ich ein Leben, das sich im Moment gut anfühlt und im Rückblick reich an Erinnerungen ist?
Für mich könnte die Antwort irgendwo zwischen zwei Extremen liegen. Nicht jeden Tag völliges Chaos und etwas Neues. Aber auch nicht 365 Tage derselbe Ablauf.
Genug Routine, um an Dingen arbeiten und etwas aufbauen zu können. Und genug Neues, damit nicht irgendwann drei Monate vergangen sind und man sich fragt: Was ist eigentlich alles passiert?
Wir sind selbst noch dabei herauszufinden, wie dieses Verhältnis für uns aussieht.
Gerade beim längeren Reisen merken wir aber immer wieder: Ankommen. Entdecken. Einleben. Routine entwickeln. Und irgendwann wieder etwas Neues.
Vielleicht ist genau dieser Wechsel gar nicht schlecht.